Music in Spirit
  • Open House
  • Über mich
  • Themen
  • Blog
  • Anmelden

24.6.2026

Wie lange können wir uns den Beruf noch leisten?

Klassismus in der freien Musikszene — Ein Blick aus der Praxis

Als ich gefragt wurde, über Klassismus zu sprechen, musste ich ehrlich gesagt erst mal nachdenken. Der Begriff war mir fremd — oder ich dachte, er sei es.

Ich war gerade in den Osterferien mit meiner Tochter. Als studierte Soziologin hat sie mir von Bourdieu erzählt. Von seiner These, dass Klasse nicht nur wirtschaftliches Kapital bedeutet — sondern auch kulturelles. Bildung. Geschmack. Selbstverständlichkeiten. Die unausgesprochenen Dinge, die man einfach mitgekriegt hat — Und im Gespräch wurde mir klar, dass wir die Privilegien oft nicht sehen, weil sie für uns selbstverständlich geworden sind, wenn wir schon Teil dieser Bubble sind.

Ich komme aus einer Musikerfamilie. Mit zwei Jahren hatte ich mein erstes Instrument in der Hand. Mit sechs stand ich mit ihnen auf der Bühne. Kannte den Geruch von Garderoben schon seit der Kindheit. Jugendorchester, Chorfreizeiten, Konzertreisen, Musik war Teil meines Alltags — das war einfach so. Normal.

Für meine Eltern war es ganz natürlich in ein Instrument für mein Studium zu investieren. Die bestandene Aufnahmeprüfung an der Hochschule war ein gefühlter Ritterschlag und der Weg in den Beruf dann selbstverständlich. Ich habe mich nie gefragt, was ich später verdienen würde.

Das ist kulturelles Kapital. Ich habe es nicht verdient. Ich habe es geerbt.

Und es hat mir geholfen — nicht nur musikalisch. Ich kannte die Hierarchien. Die Kommunikationswege. Die unausgesprochenen Regeln im Orchesterbetrieb. Mit der Zeit konnte ich englische Freundlichkeit decodieren, deutsche Direktheit einordnen, österreichische Entscheidungsschwäche umschiffen. Ich wusste, wie es läuft.

Wie muss es denen gehen, die nicht in dieser Bubble zuhause sind und dieses kulturelle Kapital nicht geerbt haben?

Doch auch bei Leuten wie mir — es bleibt immer die Angst, nicht dazuzugehören. Nicht Teil des Ganzen zu sein. Jeder kennt diese Momente. In einer Probenpause erzählt jemand eine Anekdote über einen Dirigenten — nur beim Vornamen genannt. Alle lachen. Man lacht mit. Ohne zu wissen, wer gemeint ist. Nur um dazuzugehören. Oder man beobachtet Kollegen, die nach dem Konzert beim Glas Sekt ganz nebenher mit den Veranstaltern über eigene Projekte sprechen.

Das sind Momente, in denen Insiderwissen und Selbstverständlichkeit zählt. Nicht Qualität. Nicht Können. Nur Codes und Auftreten.

Diese kann dir Vorteile verschaffen, reicht aber nicht allein. Es braucht auch Kapital — im ökonomischen Sinne. Eine CD-Produktion. Ein eigenes Ensemble aufbauen. Eine Tournee finanzieren. Das sind keine Luxusprojekte — das ist die Währung, mit der man sich in dieser Szene positioniert und sichtbar bleibt, um nicht nur von Projekt zu Projekt zu rennen.

Meine erste CD hat mich 20.000 Euro gekostet. Ich konnte sie nur dank Corona-Stipendien realisieren. Und ich erinnere mich noch genau, was in dieser Zeit passiert ist — plötzlich war Geld da, und die Projekte sind nur so aus dem Boden geschossen. Menschen haben Dinge verwirklicht, von denen sie jahrelang geträumt hatten.

Das hat mir gezeigt: Es mangelt nicht an Ideen. Es mangelt nicht an Talent. Es mangelt an Zeit und Kapital.


Ich habe letztes Jahr eine Umfrage unter freischaffenden Musiker:innen aus der Alten Musik durchgeführt. Das Bild, das sich zeigt, ist eindeutig: finanzielle Unsicherheit, Unterbezahlung, fehlende Planungssicherheit. Aber auch Perfektionismus, Lampenfieber, Konkurrenzdruck spielen eine Rolle. Und ein enormer Anteil an unbezahlter Arbeit — Organisation, Akquise, Selbstvermarktung, Buchhaltung, Reisen, Betriebskosten. All das gehört längst zum Beruf. Aber bezahlt wird nur Probe und Konzert.

Der Deutsche Musikrat hat für 2026 einen Mindesttagessatz von 350 Euro empfohlen, um all die unsichtbare Arbeit mitzudenken. Fair Pay.

Das würde helfen, doch am Ende geht es um mehr als die Höhe eines Honorars. Es geht um die Frage, welche Entscheidungen wir uns leisten können.

Wenn man über Klassismus spricht, denkt man oft an Zugang, Herkunft oder Netzwerke. Nirgendwo zeigt sich Klassismus jedoch für viele von uns deutlicher als in unserer Erpressbarkeit — und der einfachen Frage:

Kann ich es mir leisten, Nein zu sagen?

Wir können nicht riskieren, Arbeit zu verlieren. Also schweigen wir bei zu langen Proben. Wir bleiben in toxischen Arbeitsverhältnissen, die uns nicht gut tun. Wir akzeptieren Honorare, die nicht reichen. Wir fahren krank zur Probe. Wir trauen uns nicht zu sagen, dass wir lieber im Hotelzimmer als in der Gastfamilie untergebracht werden wollen. Wir setzen uns in den Zug, obwohl unsere Tochter Geburtstag hat.

Weil wir uns nicht leisten können, auf das Honorar zu verzichten.

Gesunde Grenzen kann oft nur jemand setzen, der wirtschaftlich abgesichert ist. Durch einen Partner. Ein Erbe. Eine Professur. Wer das nicht hat, ist erpressbar. So einfach ist das.

Und wenn wir selbst so unter Druck stehen — wenn wir unseren eigenen Sessel verteidigen müssen — dann öffnen wir auch keine Türen. Nicht für die, die die Codes nicht kennen. Nicht für die, die andere Zugänge haben, andere Geschichten mitbringen oder sich nicht so selbstverständlich in diesen Räumen bewegen.

Wir schließen aus — nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Existenzangst. Oft sogar unbewusst und ganz automatisch. Und so erhält sich das System der Elitenbildung von selbst aufrecht.


Aber der Druck kommt nicht nur von außen.

Der klassische Musikbetrieb produziert seine eigene interne Hierarchie. Es gibt die Definitionen von „es geschafft haben” — Festanstellung, große Orchester, bekannte Namen, tolle Häuser — Alles andere gilt nicht als gleichwertig. Man empfindet es als nicht genügend. Als nicht geschafft. Fast als Scheitern.

In meiner Umfrage schreibt jemand: „Der Dünkel und die tiefe Verinnerlichung innerhalb der Musikerinnen selbst, dass man es nur mit Orchesterstelle geschafft hat.”

Diese Ordnung wird nie ausgesprochen. Sie wird einfach getragen — als ästhetisches Urteil, als Qualitätskriterium, als Berufsethos. Und wir tragen sie mit. Manchmal verteidigen wir sie sogar.

Das Ergebnis ist Scham. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Sich ausgeschlossen fühlen in einer Welt, der man selbst angehört.

Und wenn es dann nicht läuft — wenn die Gage zu niedrig ist, wenn die Einladung ausbleibt, wenn die Rente nicht reicht — dann suchen wir den Fehler bei uns. Nicht beim System. Bei uns. Haben wir nicht gut genug gearbeitet, geübt? Reicht unser Talent? Machen wir genug Akquise?

Aber genau das ist der Moment, in dem das System gewinnt. Denn solange wir glauben, es liege nur an uns — solange braucht sich nichts zu ändern.


Bourdieu beschreibt Felder als soziale Räume mit eigenen Regeln, eigener Währung, eigener Logik. Das klassische Musikfeld ist so strukturiert, dass es kulturelles Kapital hochhält — und gleichzeitig ökonomische Forderungen als verdächtig behandelt. Als unkünstlerisch. Als Zeichen, dass es einem es nicht wirklich um die Musik geht.

Ich selbst komme also aus einer Familie, die mir kulturelles Kapital mitgegeben hat — aber kein wirtschaftliches. Nach einem langen, arbeitsreichen Leben als freischaffende Barockgeigerin — zwischendurch alleinerziehend mit zwei Kindern — liegt meine zu erwartende Rente im Moment bei knapp 400 Euro im Monat.

Das ist ein strukturelles Problem. Und obwohl man es besser weiß, fühlt es sich manchmal nach persönlichem Versagen an.

Ich habe selbst lange geglaubt, ich hätte einfach nicht genug vorgesorgt, nicht klug genug entschieden oder nicht hart und erfolgreich genug gearbeitet.

Vielleicht liegt genau darin die Falle.

Denn wir arbeiten in einem Betrieb (Gesellschaft), der uns beibringt, es anders zu nennen: Leidenschaft. Berufung. Hingabe. Aber diese Worte verdecken auch etwas. Sie verdecken, dass Selbstaufopferung sich nur derjenige leisten kann, der im Hintergrund abgesichert ist. Dass die Berufung oft genug Ausbeutung romantisiert.

Fair Pay ist nicht die einzige Antwort, wir werden viele weitere suchen müssen. Aber es wäre ein Anfang. Nicht als Zahl — sondern als Haltung. Als kollektive Entscheidung zu sagen: Dieser Beruf ist es wert, davon leben zu können. Ohne Puffer. Ohne Absicherung von außen. Einfach so.


Denn Kunst braucht Freiheit. Kunst lebt von Neugier, Risiko und dem Mut, etwas Eigenes zu sagen. Aber Freiheit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Bedingungen, die sie ermöglichen. Wer ständig um seine Existenz kämpft, trifft andere Entscheidungen. Künstlerisch wie menschlich.

Und vielleicht geht es am Ende genau darum: unter welchen Bedingungen kann gute Musik überhaupt entstehen.

Denn wenn Musiker:innen dauerhaft unter Druck stehen, ständig funktionieren müssen, sich absichern, anpassen, durchhalten — dann verändert das nicht nur ihr Leben. Es verändert auch die Musik.

Freiheit fängt nicht erst auf der Bühne an. Sie beginnt lange davor.

Sie beginnt dort, wo Menschen es sich leisten können, Grenzen zu setzen. Wo sie Risiken eingehen dürfen — auch musikalisch. Wo sie nicht permanent Angst haben müssen, ersetzt zu werden.

Denn solange dieser Beruf nur für diejenigen wirklich möglich ist, die einen Puffer haben — einen Partner, eine Familie, ein Erbe — bleibt Klassismus nicht nur ein Problem der Türen. Sondern ein Problem des Bodens.

Catherine Aglibut, Barockgeigerin und Gründerin von Music in Spirit

Von Catherine

Catherine Aglibut

Ich bin Barockgeigerin und spiele seit über 25 Jahren in internationalen Ensembles. Lange habe ich mit Leistungsdruck und Selbstzweifeln gekämpft. Heute begleite ich Musiker:innen dabei, freier und lebendiger zu spielen.

Im Open House von Music in Spirit teile ich meine Erfahrungen. Kostenfrei und offen für alle.

Mehr über mich Zum Open House

Music in Spirit

Ein Inspirationsraum für Musiker:innen
Impressum · Datenschutz · E-Mail
© 2026 Catherine Aglibut